Uralte Viren haben unsere Erbsubstanz infiziert

von Andreas von Rétyi

Japanische Wissenschaftler stießen kürzlich in menschlichem Erbgut auf die Überreste eines tierischen Virus. Irgendwann, vor zirka 40 Millionen Jahren, muss es zu einer fatalen Infektion gekommen sein, die auch die Vorstufen des Menschen erfasste und sich weltweit ausbreitete. Der Eindringling heißt Bornavirus und befällt das Hirngewebe. Spielt deshalb nun die ganze Welt verrückt oder was bewirkt dieser Virus tatsächlich in unserer DNA?

Viren sind gemeine kleine Biester – und eben doch keine, weil sie ja gar keine Lebewesen sind. Bei einigen dieser Kandidaten fragt man sich aber heutzutage: Gibt es sie wirklich oder soll uns dies nur glauben gemacht werden? Bei anderen stellt sich wiederum die Frage nach ihrer Herkunft und der tatsächlichen Gefährlichkeit. Wie sich dabei paradoxerweise herauskristallisiert, dürften die Impfstoffe bedrohlicher sein als die Viren selbst. Klar, das gilt nicht immer, aber anscheinend immer öfter. Von nützlichen Viren aber hört man ja eher selten. Wobei »nützlich« auch wieder ziemlich relativ ist. In geheimen Biolabors sind die kleinen Racker bekanntlich richtig beliebt und werden dort, natürlich nur zu defensiven Zwecken, eifrig gezüchtet; die Landwirtschaft setzt sie zur Schädlingsbekämpfung ein, und Mediziner nutzen sie, um mutierte Sonder-Exemplare auf Krebszellen loszulassen. Eigentlich auch so eine Art von Schädlingsbekämpfung. Ansonsten allerdings haben sie meist eher unangenehme bis tödliche Nebenwirkungen.

Was aber hat es mit den Viren-Resten auf sich, denen japanische Forscher jetzt in unserem Erbgut auf die Schliche gekommen sind? Laut den aktuellen Erkenntnissen sind wir allesamt davon befallen. Denn seit der Erstinfektion sind vermutlich schon 40 Millionen Jahre vergangen. Da auch Viren etwas von Globalisierung verstehen, haben sie sich mittlerweile weltweit ausgebreitet. Nebenbei bemerkt, war der im August 2001 verstorbene englische Forscher Professor Fred Hoyle felsenfest davon überzeugt, dass es dazu keineswegs immer viele Millionen Jahre braucht, sondern dass so eine weltumspannende Infektion durchaus im Handumdrehen geschehen kann, buchstäblich von einem Augenblick zum nächsten. Viele Krankheiten stammen Hoyles Ansicht nach aus organischen Reservoirs im Kosmos, beispielsweise Kometenmaterie, die ein geeignetes Milieu für primitive Lebensformen bietet, Leben, das selbst unter extremsten Bedingungen noch gedeiht. Driftet unsere Erde in eine derartige Lebenswolke, dann, so folgerten Hoyle und sein Kollege Chandra Wickramasinghe, hüllen die Viren den gesamten Planeten schnell ein. Immer wieder geraten damit auch neuartige Grippeviren auf die Erde, ein ewiger Kampf also. Sicherlich, ein exotisches Konzept, aber die Argumentation der beiden renommierten Forscher beruht immerhin auf bemerkenswerten Beobachtungen und Schlussfolgerungen.

Was aber die uralte Infektion unserer DNA betrifft, ist das offenbar eine gänzlich andere Geschichte. Der demnach schon lange auf unserer Welt logierende Störenfried wurde in den 1970er-Jahren genau identifiziert. Er erhielt den Namen Borna-Virus, nach der sächsischen Stadt Borna, wo es 1885 zu einem gehäuften tödlichen Befall von Kavallerie-Pferden kam. Seinerzeit sprach man von der »Hitziger-Kopfkrankheit«. Viel mehr wusste man nicht. Bald wurde klar, dass sie nicht nur Pferde, sondern auch Schafe, Katzen, Papageien und andere Tierarten bedroht. Über die Art der Verbreitung ist wenig bekannt. In seinem Wirt vermehrt sich dieser Virus, anders als Retroviren, nicht durch Erstellung eines neuen DNA-Stranges und dessen Einschleusung ins Erbgut der befallenen Zelle, sondern durch Infiltration der DNA von reproduktiven Zellen. Über ein Protein bindet sich das Virus zunächst an die Zelle und verschmilzt schließlich mit ihrer Membran.

Keizo Tomonaga und seine Forschergruppe von der Universität Osaka suchten nun in menschlicher DNA nach dem Borna-Virus-Code und wurden fündig. Sie entdeckten Bruchstücke des Virus, und zwar auch in Form zweier Gene, deren Funktion völlig unbekannt ist. Niemand kann derzeit sagen, was sie in uns bewirken – wenn sie es überhaupt tun. Die Forscher wollen wissen: Führte der Befall vor 40 Millionen Jahren zu einer positiven Mutation mit innovativen, unserem Organismus förderlichen Eigenschaften, vielleicht bestimmten Schutzfunktionen des Immunsystems, oder aber stellt er eher die Quelle für eine erbliche Erkrankung dar? Schon länger vermuten einige Fachleute zumindest einen Zusammenhang zwischen Borna-Virus und mentalen Störungen bis hin zur Schizophrenie. Dreht vielleicht deshalb mittlerweile bald schon die ganze Welt durch?

Bereits jetzt erwartet derjenige Teil unserer Welt, der sich Fachwelt nennt, eine sehr rege Diskussion der Frage um den DNA-Einfluss durch Borna-Virus und damit einigen Wirbel um die neue Entdeckung. Nun, nicht umsonst ist wohl der zentrale Gegenstand der Debatte der »Hitzkopf-Virus«. Nur wohin führt uns das Ganze noch? In Anbetracht der Panikmache rund um die Schweinegrippe stellt sich natürlich die berechtigte Frage, ob die ganze Geschichte letztlich nur dazu herhalten soll, um uns bald eine neue Katastrophe zu präsentieren. Nach Rinderwahn, Vogel- und Schweinegrippe jetzt vielleicht, basierend auf dem Borna-Virus, die Pony-Pocken, die Igel-Influenza oder die Karpfen-Cholera? Sicher, das ist übertrieben, denn hier geht es um etwas grundlegend anderes: um einen Virus, der sich nach Ansicht der japanischen Forscher vor beinahe schon ewigen Zeiten im tiefsten Inneren unseres Körpers auf Dauer gemütlich gemacht hat. Trotzdem, oder gerade deshalb, dürfen wir gespannt der Dinge harren, die da noch kommen werden. Schließlich wissen wir ja, wie schnell die Industrie aus filigranen Mücklein ihre ganz eigenen Elefanten strickt, um damit wieder richtig Geld zu scheffeln. Das lässt sich schön elegant regeln. Na, und wäre der Elefant nur einen Buchstaben über das »f« hinausgekommen, dann wäre er ja sowieso schon elegant.


Quelle: Kopp Verlag – News-Feed

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