Ein Mitarbeiter des ZDF schrieb mich an, um mich (und meine Leser/innen) auf eine Sendung aufmerksam zu machen. Seiner Bitte, hier darüber zu berichten, komme ich hiermit nach. Hier der Text des Schreibens:
Hallo,
weshalb ich Sie anschreibe? Gerne möchte ich Sie mit dieser E-Mail darauf hinweisen, dass wir am kommenden Dienstag, 9. Februar, um 23.15 Uhr die Dokumentation „Die Jagd nach Osama bin Laden – Mythos und Wahrheit“ im ZDF zeigen werden.
Worum es darin geht? Über zehn Jahre dauert die Jagd nun schon, und noch immer ist Osama bin Laden nicht gefasst. Immer mehr Menschen vermuten hinter seiner Flucht mehr als bloßes Versagen seiner Verfolger. Ist ein freier Osama bin Laden nicht viel nützlicher als gefangen oder tot? Vielleicht ist Bin Laden schon seit Jahren tot und nur die CIA hält ihn mit gefälschten Video- und Audiobotschaften künstlich am Leben. Einen kurzen Einblick in den Film bekommen Sie bereits mit dieser Kurzversion, die im Auslandsjournal lief (http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/962332). Weitere Informationen zur Sendung finden Sie hier: http://dokumentation.zdf.de/ZDFde/inhalt/14/0,1872,8023918,00.html
Es würde mich freuen, wenn dies Ihr Interesse an unserer Dokumentation geweckt hat und Sie Ihre Leser auf Ihrer Website darauf hinweisen könnten.
Mit freundlichen Grüßen, Dank im Voraus und schon einmal ein schönes Wochenende
Till Frommann
Relative große Unterschiede gab es aber noch in der ersten Ausgabe der Gemeinschaftsproduktionen, die sich kontroverser Theorien rund um das Thema 9/11 und Al-Qaida widmen.
In der zweiten Sendung zum Thema 9/11 im Jahr 2008 hatte die BBC dann nachgebessert und einen neutraleren Weg eingeschlagen, was die Präsentation der 9/11-Skeptiker betraf. Titel war “The Third Tower” und drehte sich um den Einsturz von World Trade Center 7 am Nachmittag des 11.September 2001. Für die ZDF-Version suchte man sich den Titel “Das Geheimnis des dritten Turmes” aus und verkündete in aller Bescheidenheit, nun das letzte Rätsel des 11.September gelöst zu haben.
Der Grund dürfte darin zu suchen und zu finden sein, dass man sich trotz aller Bemühungen, das Publikum Richtung offizielle Version zu lenken, dabei kaum Erfolg versprach. Zurecht. Denn man kann ja keine Sendung über den Einsturz von WTC 7 machen, ohne diesen auch zu zeigen. Und spätestens da fällt der Groschen bei den meisten – und zwar in freiem Fall. In einem Artikel auf ‘Hintergrund‘ wurde die ZDF-WTC7-Sendung eingehend im Hinblick auf den manipulativen Charakter der Darstellung auseinander genommen. Ich zitiere aus dem Schlussabsatz:
War es doch das erste und einzige Hochhaus, das aufgrund eines Feuers einstürzte, das erste und einzige Hochhaus, in dem das neue Phänomen der thermalen Expansion vernichtend zuschlug, das erste und einzige Hochhaus, dessen Einsturz schon im Fernsehen vermeldet wurde, als es noch stand. Und es war wohl auch das erste und einzige Gebäude, dessen Noteinsatz-Zenrale beim Einsetzen eines Notfalls prompt verlassen wurde. Es ist auch das erste und einzige Hochhaus, dessen Stahlträger Löcher „wie ein Schweizer Käse“ aufwiesen und das erste und einzige Hochhaus, dessen Trümmer komplett vor Beginn der Untersuchung entsorgt wurden.
Fazit: ZDF-History hat nicht das letzte Rätsel gelöst, sondern noch ein weiteres hinzugefügt: Warum legt sich dieser öffentlich-rechtliche Sender trotz der offensichtlichen Widersprüchlichkeiten so einseitig für die offizielle Version ins Zeug?
Kommen wir nun zur neuen Sendung, die sich mit der Frage beschäftigt, ob Bin Laden noch lebt. Ohne vorweg greifen zu wollen, will ich hier auf die grundsätzliche Schwierigkeit aufmerksam machen, diese Frage beantworten zu können. So viel auch für Bin Ladens Tod sprechen mag, solange man seine Leiche nicht vorzeigen kann, solange kann man auch seinen Tod nicht eindeutig beweisen. Ohne Leichnam kann man noch in 50 Jahren behaupten, dass er am Leben ist. Andererseits ist die Abwesenheit seiner Leiche nicht die Anwesenheit eines Lebensbeweises. Wenn man sich dieser Frage widmet, müsste man also zunächst einen Standard entwickeln, was denn für die eine oder andere Richtung als beweiskräftig angesehen werden kann und ob es auch eine Beweiskraft für den Tod unterhalb der Anwesenheit des Leichnams gibt, z.B. durch Zeugenaussagen. Die BBC-Sendung bemüht sich gar nicht erst, einen solchen Standard zu etablieren oder überhaupt als Problem zu thematisieren. Eine methodische Schwäche, die kaum die Aussicht vermittelt, dass in der Sendung wirklich klärende Antworten gefunden werden (sollen). Stattdessen lässt sie erahnen, dass wir es auch jetzt wieder mit einem manipulativen Werk zu tun haben, in dem die Schlussfolgerung schon zu Beginn der Untersuchung fest stand.
Der Einstieg mutet sehr kritisch an. Fragen werden gestellt, wie: “Warum konnte man Bin Laden bislang nie finden”, “Warum wurden Gelegenheiten ihn zu töten, ausgelassen?”, “Warum trägt er in seinem letzten Video einen schwarzen Bart?”.
Der CIA Field Commander des “Jawbreaker”-Teams in Tora Bora, Gary Berntsen, sagt, dass er und andere US-Kommandeure wussten, dass sich Bin Laden unter den Hunderten fliehenden Al-Qaida und Taliban-Mitgliedern befindet. Berntsen sagte, dass er definitive Aufklärung [intelligence] darüber hatte, dass sich Bin Laden in Tora Bora aufhielt – Geheimdienst-Agenten hatten ihn aufgespürt – und gefasst werden konnte. “Er war dort”, sagte Bernsten zu NEWSWEEK.(…)
In seinem Buch namens “Jawbreaker” kritisiert der dekorierte CIA-Offizier Donald Rumsfelds Verteidigungsministerium, der CIA und den Special-Forces Teams des Pentagon nicht genug Unterstützung in den letzten Stunden [der Schlacht] von Tora Bora gegeben zu heben, sagte Berntsens Anwalt, Roy Krieger. (…) Das unterstützt andere Berichte, inklusive den des Militär-Autors Sean Naylor, der Tora Bora als ein “strategisches Desaster” bezeichnete, da sich das Pentagon geweigert hatte, ein Spalier aus konventionellen Kräften einzurichten, um die Flucht von Al-Qaida und Taliban-Mitgliedern zu unterbrechen. (Quelle)
Michael Scheuer, in der Sendung ganz familiär nur “Mike” genannt, wird immer wieder gerne als Kronzeuge der offiziellen Version, nach der eine islamistische Verschwörung hinter 9/11 steckt und seitdem einen globalen Kampf gegen die westliche Zivilisation führt, herangezogen. Denn Scheuer hatte sich seinerzeit mehrfach kritisch gegenüber der Politik der Bush-Regierung geäußert.
“Wir wissen bis heute nicht, ob sich Bin Laden im Dezember 2001 in Tora Bora befand”, sagte [der ehemalige CentCom Commander] General Tommy Franks. “Herr Bin Laden war nie innerhalb unserer Reichweite.” (Quelle)Rumsfeld bleibt dabei, dass er von “keinerlei Beweisen” wüsste, dass Bin Laden “zu dieser Zeit in Tora Bora war, oder zu dieser Zeit Tora Bora verlassen hat.” (Quelle)
Wollte man das Al-Qaida-Gespenst vielleicht am Leben halten? Einige hundert Al-Qaida-Kämpfer können der Besatzungsmacht USA kaum etwas anhaben, aber lassen sich hervorragend dafür benutzen, die eigene Besatzung zu rechtfertigen. Es sei an den Irak erinnert, wo die USA auch immer wieder die Al-Qaida bemüht haben, wenn es galt, eigene Verbrechen – wie etwa der Angriff auf die umzingelte Stadt Falludschah im April 2004 mit weißem Phosphor, Uranmunition und Streubomben- zu rechtfertigen. Dumm nur, dass herauskam, dass das Pentagon die eine oder andere Erklärung des irakischen Al-Qaida-Führer Al-Sarkawi, mit dessen vermeintlicher Anwesenheit in Falludschah der Angriff gerechtfertigt wurde, gleich selbst verfasst hat. (Zum Irak und der Anwendung von Terror unter falscher Flagge, siehe auch meinen Einträge hier und hier).
Die Vereinigten Staaten genehmigten insgeheim Rettungsflüge durch Pakistan, durch die Taliban-Führer und Al-Qaida-Kämpfer aus der belagerten nord-afghanischen Stadt Kundus flüchten konnten, bevor die Stadt eingenommen wurde, berichtet heute das New Yorker-Magazin.
US Geheimdienstbeamte und Militär-Offiziere sagten, dass die Bush-Administration die Flüge genehmigt hat und dem US Central Command befahl, einen speziellen Luftkorridor einzurichten, um eine sichere Evakuierung pakistanischer Soldaten und Geheimdienst-Leuten zu gewährleisten, die durch die Siege der Nordallianz fest saßen.
Was als begrenzte Evakuierung gedacht war, geriet offenbar außer Kontrolle. Als unbeabsichtigte Konsequenz schaffte es eine unbekannte Anzahl von Taliban und Al-Qaida-Kämpfern, sich dem Exodus anzuschließen, berichtet das Magazin.
Damit soll die zentrale These dieses Segments untermauert werden: Die US-Regierung wollte Bin Laden unbedingt rankriegen und hat dafür große Anstrengungen unternommen, indem z.B. Tora Bora mit Bomben überzogen wurde. Aber die eigene Inkompetenz, vor allem bei der Auswahl der Bündnispartner vor Ort, habe es Bin Laden gestattet, zu entkommen.
Konsequenterweise ließ Bush dann auch im Jahr 2005 die oben erwähnte Alec-Station schließen. Auch den Vorsitzenden des Joint Chiefs of Staff, Richard Myers, hätte man zitieren können: “Das (Haupt-)Ziel war niemals, Bin Laden zu kriegen“.
In diesem Zusammenhang hätte BBC natürlich auch die Story französischer Elitekämpfer aufgreifen können. Deren Scharfschützen sollen Bin Laden zwei mal im Visier gehabt haben. Doch von Seiten der USA kam keine Erlaubnis zum Abdrücken. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt dieser Story ist es angesichts der Aussage, die Bush während der Pressekonferenz im März 2002 von sich gegeben hat, schon besonders dreist, dass er im Zusammenhang mit der Geschichte der französischen Scharfschützen die Annahme, dass seine Administration von der Jagd auf Bin Laden abgekommen sei, als “urbanen Mythos” bezeichnete.
Im zweiten Teil kommen Vertreter der These zu Wort, dass Bin Laden tot ist. Die BBC-Sprecherin erklärt, dass es seit Dezember 2001 keine überprüfbare Sichtung Bin Ladens gegeben hat. Ex-CIA-Agent Robert Baer untermauert diese These. Baer arbeitete 22 Jahre für “die Firma” und gilt als Experte in seinem Gebiet, welches laut Wikipedia beim CIA folgendes war:
Seine Aufgabe bestand in der Infiltrierung von Organisationen wie Hisbollah und Al Qaida. Baer spricht neben seiner englischen Muttersprache fließend arabisch, persisch, französisch und deutsch.
Im dritten Segment werden Zweifel an der Authentizität einzelner Bin Laden-Videos geäußert. So bezweifelt David Ray Griffin, dass es sich bei dem berühmten “Confession-Tape” um den echten Bin Laden handelt. Dieser erscheine im Video zu fett, auch schreibt er mit der rechten Hand, obwohl er Linkshänder ist. Zur Unterstützung der Todes-These führt Griffin auch an, dass Bin Laden 2001 an einem Nierenleiden erkrankt war und Dialyse benötigte. Griffin weist (in Teil II) auf ein am 26.Dezember 2001 veröffentlichtes Bin Laden-Video hin, in dem dieser geschwächt erscheint.
Auch Robert Baer ist von der Echtheit der Videos nicht überzeugt, glaubt allerdings, dass Al-Qaida die Videos selbst fälsche. Er merkt an, dass Bin Laden in seinem letztem Video vom September 2009 immer dann auf Standbild geschaltet ist, wenn seine Stimme auf aktuelle Ereignisse zu sprechen kommt. Baer ist der Auffassung, dass hier alte Ton- und Videoaufnahmen zusammengeschnitten wurden, wie übrigens auch der Computer-Spezialist Neal Krawetz.
Für die These der Echtheit der Videos setzt sich Michael Scheuer ein. Er verweist darauf, dass die Videos von CIA und anderen Geheimdiensten in ihrer Echtheit bestätigt wurden. Allerdings stehen ja gerade diese selbst im Verdacht, Urheber (einiger) dieser Videos zu sein. Keinem Gericht würde aber die Beteuerung der Unschuld eines Angeklagten als Beweis selbiger ausreichen. Scheuer will das Publikum beeindrucken, indem er aufzählt, wie viel Aufwand die US-Behörden doch bei der Analyse der Videos betrieben haben. Während man sieht wie Bin Laden durch bergiges Gelände schleicht, berichtet Scheuer davon, dass selbst Geologen angeheuert wurden, Pflanzen und Steine im Bild-Hintergrund zu analysieren, um dadurch mögliche Informationen zu Bin Ladens Aufenthaltsort liefern zu können. Eine geradezu irreführende Argumentation, die die BBC gerne mit passenden Filmausschnitten unterlegt. Denn die gezeigte Wandertour Bin Ladens spielte sich vor 9/11 ab. Nach 9/11 ist kein Bin Laden-Video erschienen, in dem Steine zu sehen sind, die man analysieren könnte. Scheuers Märchenstunde Anekdote kann somit überhaupt nicht zur Klärung der Frage beitragen, ob Bin Laden noch lebt. Aber sie kann und soll dazu beitragen, den Zuschauern zu suggerieren, dass die Videos echt sind und Bin Laden daher am Leben sein muss. Dennoch ist in diesem Teil der BBC kein Vorwurf zu machen. Denn Vertreter der These, dass die Videos (aus verschiedensten Gründen) unecht sind, kommen ausgiebig zu Wort.
Laut Atwan, der auf dem Trafalgar Square in London vor Freude tanzen will, falls iranische Raketen auf israelischen Boden einschlagen, erfreute sich Bin Laden damals bester Gesundheit. Problematisch an seiner Argumentation ist die zeitliche Komponente. Denn er traf sich mit Bin Laden Jahre bevor die ersten Berichte über dessen Nierenerkrankung auftauchten.
Atwans Aussage bezüglich Bin Ladens Gesundheitszustand während ihres Zusammentreffens 1996 bezieht sich auf eine “milde Diabetes“, von der Atwan gehört hatte, dass sie Bin Laden plage. Von dessen Nierenerkrankung hingegen war erstmals 1999 in dem Buch “The new Jackals” die Rede. Sie wurde angeblich von einem im November 1998 von Geheimdiensten auf Bin Laden durchgeführten Gift-Anschlag verursacht. Erstmals wurde im Jahr 2000 darüber berichtet, dass Bin Laden eine Dialyse-Behandlung braucht.
Im vierten Abschnitt wird auch die Zusammenarbeit zwischen Bin Laden und der CIA während des Kampfes gegen die sowjetischen Besatzer in Afghanistan ab Ende der 1970er Jahre thematisiert. Zusammenarbeit? Nichts da, sagt Michael Scheuer. Es gebe in der CIA kein Dokument, welches eine Zusammenarbeit bestätigen würde. Na denn. Geheimdienste heißen ja auch nur zum Spaß so. Also bitte glauben Sie dem Mann unbesehen. Eine Zusammenarbeit zwischen den “arabischen Mujahedin”, der CIA und dem pakistanischen Geheimdienst ISI im Kampf gegen die Sowjetunion in Afghanistan hat es nie gegeben. Vergessen Sie bitte alles, was Dutzende und Dutzende Experten Schwätzer zu dieser Zusammenarbeit in den letzten Jahrzehnten gesagt und geschrieben haben. Denn Michael Scheuer hat dazu in der CIA kein Dokument gefunden. Und obwohl er kaum befugt sein dürfte, alle CIA-Dokumente über Geheimoperationen einzusehen, bitte glauben Sie ihm. Und bitte glauben Sie auch, dass jede Geheimoperation ausgiebig dokumentiert wird. Und bitte glauben Sie auch noch, dass Dokumente nie verschwinden können. Was ist eigentlich aus den CIA-Dokumenten geworden, die in WTC 7 lagerten? Aber das ist ein anderes Thema…
Hatten nie etwas miteinander zu tun: L: Z. Brzezinski, Sicherheitsberater des US-Präsidenten. R: Bin Laden
Scheuer erklärt auch, dass man alleine zwischen Mai 1998 und Mai 1999 zehn Gelegenheiten hatte, Bin Laden zu schnappen bzw. zu liquidieren. Im letzten Moment sei man aber immer davor zurückgeschreckt. Beispielhaft führt Scheuer eine Situation aus dem Dezember 1998 in Kandahar an. Man hatte Bin Laden in einem Gebäude lokalisiert, sogar den genauen Raum kannte man. Aber man entschied sich, lieber nicht zu schießen. Denn 300 Meter entfernt befand sich eine Moschee. Und man befürchtete einen Aufstand in der muslimischen Welt, so Scheuer, sollten Splitter einer Rakete die Moschee “kratzen”. Reden wir hier von derselben Armee, die Raketen aus hunderten Kilometern Entfernung metergenau ins Ziel bringt? Und wie schlecht muss es um die Ausbildung von Scharfschützen bestellt sein, wenn 300 Meter ringsherum besser nichts im Wege steht?
Scheuers Erklärung wird spätestens dann grotesk, als er im Versuch, seiner unglaubwürdigen Story Glaubwürdigkeit zu verleihen, erklärt, welche hohen moralischen Werte die US-Weltmacht nun mal hat und dass sich deren Führer mehr den Kopf darüber zerbrechen, was man im Ausland über sie denkt, als das Leben von Amerikanern zu schützen.
Und das, obwohl Sudan ab 1995 den USA anboten, Bin Laden an sie auszuliefern. Doch gegen den lag in den USA kein Haftbefehl vor, weswegen man die Offerte ausschlug. Erst im Dezember 1998 erließ die USA einen internationalen Haftbefehl gegen Bin Laden. Vier Monate also, nachdem man Sudans medizinische Versorgung drastisch lädiert hatte. Soviel also zur Moral von US-Regierungen im Kampf gegen den Terror.
Da in diesem Segment auch kurz die Anschläge von Bali 2002 erwähnt werden, sei hier noch die Dokumentation “Fool me Twice” empfohlen. Diese weist nach, dass die Anschläge inszeniert wurden bzw. die verantwortlich gemachte Terrorzelle längst geheimdienstlich unterwandert war.
Zum Schluss des vierten Segments geht es um Benazir Buttos in einem Fernseh-Interview gemachte Aussage, dass Bin Laden schon tot sei. Hier stimme ich mit der Schlussfolgerung der BBC überein, dass es sich um einen Versprecher handelte. Wahrscheinlich hat sie Bin Laden mit Omar Saeed Sheikh verwechselt. Über diesen Doppelagenten berichtete ich bereits hier. Es gibt nur wenige Gestalten, an dessen “Karriere” sich die Verlogenheit und Absurdität des “War on Terror” besser aufzeigen ließe.
Nur, was beweist das Video? Sicherlich nicht, dass er heute noch lebt. Es würde aber auch nicht Bin Ladens Tod beweisen, selbst wenn es gefaked wäre. Es beweist übrigens auch nicht, dass Bin Laden für 9/11 verantwortlich ist. Denn seine angebliche Konfession beruht laut Recherchen des Nachrichtenmagazin ‘Monitor’ auf falschen Übersetzungen. Im Pentagon hat man die entsprechenden Passagen äußerst vorteilhaft für die gewünschten Zwecke übersetzen lassen. Das Pentagon wollte mit diesem Video das Dilemma überspielen, dass sich Bin Laden bis dato (Dezember 2001) nie und nirgends nach dem 11.September zu 9/11 bekannt hatte. Es diente also der Rechtfertigung des Afghanistan-Kriegs im Nachhinein und kann daher getrost als Kriegspropaganda gewertet werden. Und weil Kritik und Zweifel an der Beweiskraft des Videos auftauchten, mahnte George Bush auch alle Ketzer Zweifler an, das Zweifeln sein zu lassen.
Für welchen Zweck wurde das Video überhaupt angefertigt? Laut BBC “denkt man”, dass für den Privatgebrauch gedreht wurde. Doch warum wurde es dann trotz des brisanten Inhalts einfach in einem Haus in Jalalabad zurückgelassen, wo es die US-Armee gefunden haben will? Wo genau es von wem gefunden wurde, ist bis heute unbekannt. Warum wird nie in die Kamera geschaut? Handelte es sich hier etwa um eine versteckte Aufnahme im Rahmen einer verdeckten Ermittlung? Oder hat hier ein Agent vorgetäuscht, für den Privatgebrauch zu filmen und es dann den US-Diensten zukommen lassen? Das würde natürlich ein äußerst schlechtes Bild auf die US-Terrorjäger werfen, wenn sie schon vor dem Einmarsch in Afghanistan die Gelegenheit hatten, Bin Laden hoch zunehmen. Doch das bleibt alles Spekulation. Keine Spekulation ist die Tatsache, dass Bin Ladens Spleen, eine Kalaschnikow um sich herum zu postieren, sobald ihn eine Kamera aufs Korn nimmt, Auszeit gefeiert haben muss.
Laut BBC sind die Video- und Audio-Botschaften die wichtigsten Beweise für Bin Ladens Lebendigkeit. Doch auch die beiden späteren Videos sind nicht beweiskräftig, selbst wenn der abgebildete Mann Bin Laden ist. Denn abgesehen von der Frage, warum Bin Ladens Bart in der Aufnahme von 2007 wieder schwarz ist, und auch abgesehen von der Frage, warum bei der Erwähnung aktueller Ereignisse das Bild immer einfror, bleibt die Frage, ob sich solche Videos denn fälschen lassen.
Dieses Argument kann man nicht widerlegen, weil es keines ist. Aber vielleicht fällt ja der eine oder andere Zuschauer darauf herein und glaubt, dass die Manipulation eines Videos einer umfassenden, groß angelegten Verschwörung bedarf.
“Corruption is impossible”
Während Hank Crumpton, US-Botschafter Afghanistans, der dort auch lange Zeit für die CIA verdeckte Anti-Terror-Operationen leitete, die Fake-Theorie als “lächerlich”, “absurd” und “beleidigend” bezeichnet, stellt uns BBC den maximalen Kronzeugen der Gegenthese vor: Ben Venzke, von der “unabhängigen Research Company” IntelCenter. Er habe “absolutes Vertrauen” in die Echtheit der Bin Laden-Tapes. Und ich habe absolutes Vertrauen darin, dass Herr Venzke vom Vertrieb dieser Videos gut leben kann. Wie sollte er auch etwas anderes sagen, voreingenommen wie er zwangsläufig ist? Ihn zu befragen ist ungefähr so, als ob man die Aussagen von Vertretern der Tabakindustrie zum Maßstab der Beantwortung der Frage macht, ob Rauchen auch wirklich ungesund ist.
Doch die BBC kann nicht nur mit ehemaligen CIA-Angehörigen und Vertretern dubioser Firmen aufwarten, um die These von Bin Ladens Lebendigkeit zu erhärten. In der Sendung wird auch der Journalist Hamid Mir präsentiert. Dieser traf Bin Laden 1997, 1999 und sogar nach 9/11 – im November 2001. Er sprach Bin Laden direkt auf dessen angebliches Nierenleiden an. Dieser verneinte und stopfte sich zum Beweis verschiedene Nahrungsmittel in den Mund. Nun, auch Bin Laden könnte man in dieser Frage durchaus als voreingenommen betrachten. Denn an der Zurschaustellung eigener Schwäche konnte er sicherlich kein Interesse haben. Im Gegenteil, in dem Interview macht er auf dicke Hose und behauptet sogar, über Atomwaffen zu verfügen.
Zwei Dinge noch hierzu. Zum Einen. Wie konnte Hamid Mir das schaffen, was die Welt der Geheimdienste nicht schaffte, nämlich Bin Laden nach 9/11 aufzufinden? Sollen wir ernsthaft glauben, dass niemand angesichts der Treffen zwischen ihm und Bin Laden in den US-Geheimdiensten auf die Idee kam, ihn zu beschatten, um möglicherweise so an Bin Laden heranzukommen? Und warum sucht sich Bin Laden ausgerechnet einen Journalisten als Gesprächspartner, bei dem aufgrund der Vorgeschichte die höchste Wahrscheinlichkeit besteht, dass dieser überwacht wird?
Und wie merkwürdig ist es, dass sich Bin Laden vor knapp zwei Wochen zu dem misslungenen Anschlag des Weihnachtsbombers bekannt haben will, aber sich nicht bei einer solchen Gelegenheit, wie sie Mir ihm bot, zur Mutter aller Anschläge bekannte?
Allerdings führt BBC hier die Zuschauer suggestiv in die eine Richtung. So wird davon gesprochen, dass man Bin Laden seit 1996 dieses Nierenleiden nachsagt. Und 1996 traf sich ja Atwan mit ihm und befand ihn für gesund. Doch wie schon weiter oben angeführt, gab es 1996 noch keine Berichte über ein Nierenleiden Bin Ladens. Atwans Aussage ist in diesem Zusammenhang somit bedeutungslos. Falsch ist auch die Darstellung der BBC, dass es sich allein um Behauptungen des pakistanischen Geheimdienstes handelte. Auch westliche Geheimdienste wurden immer wieder in Medienberichten zitiert, wenn es um Bin Ladens Nierenerkrankung ging. So auch in dem allerersten, in dem von einer Dialyse die Rede ist.
Ein Beweis etwa in der Form von nicht-anonymen Zeugen wurde jedenfalls nie erbracht. Allerdings wurde die Story um Bin Ladens Krankenhausaufenthalt von Anfang an mit Details untermauert – wie der Name des behandelnden Arztes und der des CIA-Agenten – die nahelegen, dass sich hier niemand einfach etwas mal eben aus den Fingern gesaugt hat, um Schlagzeilen zu machen. Natürlich könnte es sich auch um gezielt gestreute Fehlinformationen handeln, die der US-Regierung schaden sollten, etwa von einem gegnerischen Geheimdienst. ‘Le Figaro’ und RFI blieben jedenfalls bei ihrer Darstellung.
Als nächstes bringt die BBC einen Ausschnitt aus einem Al-Qaida-Video von 2009, welches “eingehend untersucht” wurde, so die Sprecherin. Und laut “einigen” ["some have suggested"] handele es sich hierbei um Bin Laden. Bei den “einigen” handelt es sich übrigens um IntelCenter, welches in einer Presserklärung auf das Video aufmerksam machte und die Theorie in Umlauf brachte, es könne sich hierbei um Bin Laden handeln. Während IntelCenter nur vermutete, behauptet ‘The Long War Journal’ aufgrund einer “vertrauenswürdigen Quelle”, es handele sich bei dem Mann in der Tat um Bin Laden. Das ‘Long War Journal’ ist ein Zusammenschluss von ehemaligen US-Militär-Angehörigen und anderen Terrorexperten, mit guten Kontakten in die inneren Machtzirkel Washingtons.
Als nächstes wird dann Art Keller ins Feld geführt, auch er ein Ex-CIA-Agent. Er erklärt uns, warum trotz 25 Millionen US-Dollar Belohnung niemand Bin Laden verpetzt hat. Der paschtunische Ehrenkodex verbiete es den Taliban bzw. allgemein den Paschtunen, Bin Laden auszuliefern, noch dazu an Nicht-Muslime. Das wäre eine schlimme Sünde. Dass Bin Laden tot ist, sei eine lächerliche Verschwörungstheorie. Und jetzt ist das Stichwort gefallen. Im letzten Segment fällt das Wort “Verschwörungstheorie” des öfteren und spätestens jetzt wird die Absicht hinter der BBC-”Dokumentation” deutlich. Wer die offizielle Darstellung im “War on Terror” anzweifelt, ist ein Verschwörungstheoretiker und damit als nicht Ernst zu nehmen abgestempelt.
Doch wie auch schon im Fall Sudan Jahre zuvor, lässt sich eine US-Regierung so ein Angebot nicht bieten. Haftbefehl hin oder her. Also marschierte man in Afghanistan ein. Um Bin Laden zu kriegen. Hätte man ihn vorher in die Finger bekommen, hätte man ja nicht mehr einmarschieren können müssen, um ihn zu kriegen. Und der Einmarsch war ja schon lange VOR 9/11 beschlossene Sache. Also war auch geplant, ihn vor 9/11 nicht zu kriegen. Denn sonst hätte man ja nicht einmarschieren müssen, um ihn zu kriegen. Und das beweist ja wohl, dass es beim Einmarsch in Afghanistan nur darum ging, Bin Laden zu kriegen. Denn wenn die BBC sagt, “es begann als ein Krieg, Bin Laden zu fangen”, dann war das auch so. Alles andere sind lächerliche Verschwörungstheorien.
Doch wenn Atwan davon spricht, dass Bin Laden ihm in dem Interview 1996 gesagt hat, dass er keine Kommunikationsmittel benutze, weil “sie zuhören”, dann kann hier etwas nicht ganz stimmen. Denn Bin Laden benutzte zur Kommunikation seinerzeit bis mindestens August 1998 ein alles andere als unauffälliges Satelliten-Telefon. Welches übrigens “von ihnen”, also den US-Geheimdiensten, abgehört wurde. Wieder einmal sollen die Zuschauer in die Irre geführt werden.
Fast zum Schluss bringt BBC dann noch einmal Hamid Gul. Er ist überzeugt, dass Bin Laden am Leben ist. Und als pakistanischer Geheimdienstmann muss er es ja wissen. Was die meisten BBC-Gucker wohl nicht wissen: Er ist auch der Überzeugung, dass der 11.September ein Inside-Job war. Wie gesagt, er muss es ja wissen.
Falls Sie sich fragen, warum die BBC nicht mal eine Sendung macht, in der über all die Lügen im Rahmen des “War on Terror”, wie z.B. die der High-Tech-Festungen in Tora Bora, aufgeklärt wird, dann warten Sie bitte nicht auf Antwort. Die Zeiten sind anscheinend vorbei, wo man auf BBC in Sachen Terror noch kritische Beiträge gesendet hat. Das letzte mal im Jahr 2004 mit dem wirklich sehenswerten Dreiteiler “Power of Nightmares“, der nachweist, dass es sich bei Al-Qaida im wesentlichen um einen Fake handelt, um eine inszenierte Marke, derer man sich bedient, wenn es die eigenen politischen Interessen gebieten. Heutzutage gilt seriöse Recherche, kritische Distanz zu Regierungsverlautbarungen und investigativer Journalismsus allgemein als verschwörungstheoretisch kontaminiert. Und auf keinen Fall karrierefördernd.
Ich persönlich tendiere zu der These, dass Bin Laden bereits tot ist. Darauf schwören würde ich aber nicht. Neben Berichten über Nierenleiden oder Beerdigungen ist es vor allem ein Gedankengang, der mich dazu bringt, von seinem Tod auszugehen. Seit über acht Jahren gibt es keinen definitiven Lebensbeweis. Dabei wäre dieser einfach zu erbringen, indem Bin Laden sich z.B. vor eine Kamera mit einer aktuellen Zeitung setzt oder einem im Hintergrund laufenden Fernseher, der aktuelle Nachrichten zeigt.
Nach dem Erscheinen seines letzten Videos im September 2007 wurde er in vielen Plagiaten durch den Kakao gezogen. Viele konnten Mr-Black-Beards Ausführungen über Noam Chomsky und Co. weder Ernst nehmen, noch als bedrohlich empfinden. Dass seine Autorität durch fehlende Lebensbeweise immer stärker untergraben wird, daran kann er doch nicht wirklich ein Interesse haben. Aber vielleicht ist die Frage, ob er denn lebt, gar nicht so wichtig. Wichtiger ist doch die Frage, ob es Al-Qaida wirklich in der Form eines global agierenden, straff organisierten Terrorkonzerns, mit Filialen in einem Dutzend Ländern, überhaupt gibt – oder ob es nicht im wesentlichen ein von Geheimdiensten kontrolliertes Netzwerk ist, welches islamistische Kampfeswillige für die eigenen machtpolitischen Interessen benutzt.
Mit der Bin Laden-Sendung hat die BBC offenkundig vom ZDF dazu gelernt hat, was die Effizienz der Darstellung angeht. Propaganda funktioniert um so eher, je besser der angelegte Zweck und die Intention des Werkes im Verborgenen bleiben und die Darstellung neutral erscheint. In diesem Sinne sind Michael Rudin (BBC) und Michael Renz (ZDF) nur zu beglückwünschen. Auftrag erfüllt – das Wahrheitsministerium ist stolz auf Sie!









